Superhelden mit Schlapphut?

Es passiert ja immer mal wieder, daß man in den Redaktionen der Comic-Verlage auf die mehr oder minder originelle Idee kommt, ihre Helden aus ihrer bekannten Geschichte zu reißen und in neue Kulissen zu setzen. Von der Kolonialzeit Amerikas (Neil Gaimans 1602) bis zur fernen Zukunft ist man da schon gegangen. Für diese neue Reihe Marvels geht man allerdings nur etwa 80 Jahre in die Vergangenheit und verfrachtet einige der bekanntesten Superhelden in die Zeit von Al Capone, Phillip Marlowe und Sam Spade: In die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Zugegeben, es gibt sicher langweiligere Epochen der amerikanischen Geschichte, die man auswählen kann, aber trotzdem, ist gerade diese Zeit doch mit so vielen starken Bildern besetzt, daß es nicht gerade einfach sein dürfte, moderne Helden wie Spider-Man, die X-Men oder Daredevil in diese Zeit zu verfrachten. DC hätte es da etwas einfacher gehabt, immerhin ist ihr Batman ein direkter Nachfahre dieser Crime-Noir-Geschichten.

Den Anfang macht jetzt jedenfalls Spider-Man, dessen Geschichte in New York 1933 spielt. Die Stadt ächzt unter der Weltwirtschaftskrise und es bereichern sich Verbrecherbosse wie Norman Osborn an der angespannten Situation. Hine und Sapolsky haben versucht, ziemlich viele bekannte Gestalten aus »Spider-Man« in dieser Mini-Serie unterzubringen. Von Pflichtfiguren wie Osborn, JJ Jameson, Tante May und Onkel Ben bis zu netten Nebenfiguren wie Kraven oder der Geier.

Das Problem, das ich sehe, ist, daß jemand wie Spider-Man kaum vernünftig in eine Noir-Geschichte zu packen ist. Gerade diese Geschichten leben davon, daß es kein klar abgegrenztes Gut/Böse-Schema gibt, die „Helden“ sind fast immer gebrochene Figuren, zynische Detektive wie ein Sam Spade, die vor allem ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Spider-Man gehört zu den Marvel-Helden, die absolut für das Gute stehen und dafür kämpfen, wenn man ihnen diese nimmt, hat man vollkommen andere Helden. Das wäre zwar auch mal ein interessanter Ansatz gewesen, aber soweit wollte man bei Marvel offensichtlich dann doch nicht gehen Und so sind in dieser Geschichte die Nebenfiguren ungleich interessanter als die Hauptperson, sei es Ben Urich als korrumpierter und heroinsüchtiger Bildjournalist oder Felicia Hardy als Nachtclubbesitzerin und Ex-Geliebte Urichs. Den Nebenfiguren merkt man auch an, daß sich die Autoren bemüht haben, sie in diese Zeit anzupassen. Bei Peter Parker dagegen hat man nicht viel mehr gemacht, als ihm ein anderes Kostüm anzuziehen und die Entstehung anzupassen, das war es dann schon. Trotzdem ist diese Geschichte sehr gut geworden, sie ist spannend und lebt von der guten Charakterisierung der Figuren und der Illustration des New Yorks der dreißiger Jahre.

Für das Projekt Marvel Noir ist dieser Band ein guter Auftakt. Ich verspreche mir aber von den kommenden Bänden etwas mehr, denn Helden wie Wolverine oder Daredevil passen besser in eine Noir-Geschichte als Spider-Man.

Marvel Noir: Spider-Man
Text: David Hine, Fabrice Sapolsky
Zeichnungen: Carmine Di Giandomenico
Übersetzung: Michael Strittmatter
Verlag: Marvel Deutschland, Panini
Dieser Beitrag wurde unter Comics veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.