Aufgefallen

wanted
Wanted
Text: Mark Millar
Zeichnungen: J. G. Jones
Übersetzung: Bernd Kronsbein
Verlag: Panini Comics

Wesley Gibson sitzt in einem Großraumbüro, isst jeden Mittag ein Sauerteig-Sandwich mit Lachs in Sesampanade und Wasabi-Mayonaise, und sein bester Freund vögelt seine Freundin. Also ein richtig tolles Leben. Doch dann tritt eine Frau in sein Leben, die zum Aufwärmen erstmal die komplette Kundschaft eines Diners niedermäht und Wesley dann eröffnet, daß sein Vater ein Auftragskiller war, vor kurzem ermordet wurde und er den Platz seines Vaters in einer geheimen Bruderschaft übernehmen soll.

So eröffnet Mark Millar seine Miniserie »Wanted«, in der er so ziemlich alles auf den Kopf stellt, was man bisher aus Superhelden-Comics so kannte. Denn in dieser Welt gibt es keine Helden mehr. Die wurden allesamt von den Superschurken ausgeschaltet, die hier tatsächlich mal intelligent genug waren, sich zusammen zu tun und ihre Gegner eine nach dem anderen zu töten. Und nun soll ein stinknormaler kleiner Angestellter in die Reihen dieser Bruderschaft aufgenommen werden, die seitdem im geheimen unsere Welt beherrscht.

Verfilmt wurde dieser Comic bekanntermaßen mit Angelina Jolie und Morgan Freeman, aber ich bezweifel ganz stark, daß dieser Film auch nur annähernd an diesen Comic heranreicht, denn dies ist so ziemlich der negativste und pessimistischste „Superhelden“-Comic, der mir je untergekommen ist. Bereits in »Civil War« und »Die Ultimativen« hat Millar beweisen, daß er bereit ist, die Grenzen der Mainstream-Comichefte zu überwinden und neu zu erfinden, aber gegenüber »Wanted« waren diese Hefte nur zum Aufwärmen gedacht.

Dabei darf man aber nicht dem Irrtum verfallen, »Wanted« für eine bloße Aneinanderreihung von Metzelszenen und Obszönitäten zu halten. Dieser Comic ist vielmehr eine Parabel auf unsere moderne Welt, die gerade heutzutage im Angesicht der Finanzkrise und der Macht einiger Konzerne verstörender ist, als sie vielleicht bei der Erstveröffentlichung 2003 war. Und in diesem Bewusstsein muss eigentlich jedem Leser bei den letzten zwei Seiten ein kalter Schauder über den Rücken laufen.

Millar hat mal zu »Wanted« gesagt, daß er diese Geschichte als Gegenentwurf zu Spider-Man sieht. Dem ist nichts hinzuzufügen.

mythosMarvel Mythos
Text: Paul Jenkins
Zeichnungen: Paolo Rivera
Übersetzung: Reinhard Schweizer
Verlag: Panini Comics, Marvel Deutschland

Nach dem Gegenentwurf zu den klassischen Superhelden-Comics hier jetzt genau dieses, nämlich Neuerzählungen der Entstehungsgeschichten der klassischen Marvel-Helden von Captain America über die Fantstischen Vier und Spider-Man bis zu den X-Men, also einigen der erfolgreichsten Verfilmungen der letzten Jahre und im Falle von Cap ein kommender Film. Ach ja, und dann hat sich aus irgendeinem Grund noch der Ghost Rider in diesen Band verirrt, außer der schiefgegangenen Verfilmung mit Nicolas Cage fällt mir allerdings kein Grund ein, was diese Geschichte hier zu suchen hat.

Im Gegensatz zu den Neuerzählungen aus dem ultimativen Universum, in denen die bekannten Helden teilweise auch neu erfunden wurden, werden in »Mythos« die klassischen Entstehungsgeschichten behutsam modernisiert und neu erzählt. Wer die alten Geschichten kennt, wird hier absolut nichts Neues erfahren, doch für jüngere Leser kann dieser Band jedoch durchaus interessant sein, wenn man nur die neueren Geschichten kennt.

Man muss Jenkins zu Gute halten, daß er es schafft, die alten Entstehungsgeschichten gut in die Moderne überführt zu haben. Daß man dabei nicht wirklich etwas Neues über die Helden erfährt, muss man da wohl in Kauf nehmen.

Für Leute, die diese Superhelden bisher nur aus dem Kino kenne, ist dieser Band sicher interessant, Comic-Kenner werden sich hier wohl eher langweilen.

lockekeyLocke & Key: Willkommen in Lovecraft
Text: Joe Hill
Zeichnungen: Gabriel Rodriguez
Übersetzung: Reinhard Schweizer
Verlag: Panini Comics

Joe Hill ist ein Autoren-Pseudonym, allerdings wohl eines der am schlechtesten gehüteten der Comic-Welt. Denn hinter diesem Namen verbirgt sich Joseph Hillstrom, einer der Söhne von Horror-Autor Stephen King, der zuerst ohne Vater-Bonus erfolgreich sein wollte, doch das Geheimnis wurde schon vor der Veröffentlichung seines Erstlingswerks »Blind« gelüftet. Dem Erfolg schadete dies allerdings nicht.

Mit »Locke & Key« debütiert Joe Hill nun als Comic-Autor und man kann nicht gerade behaupten, daß er seine Wurzeln groß verleugnen würde, den diese Geschichte hätte genauso nach Vorlage eines King-Romans entstanden sein.

Nach der Ermordung ihres Vaters ziehen die Kinder Tyler, Kinsey und Bode mit ihrer Mutter in den Ort Lovecraft, um dort neu an zu fangen. In diesem Ort in Massachusetts wohnt ihr Onkel in einem geheimnisvollen Anwesen namens Keylocke, wo es offensichtlich mehr Türen als Räume gibt. Und so nimmt die Geschichte genau den zu erwartenden Verlauf, ohne dabei groß mit Überraschungen aufzuwarten. Die Geschichte ist dabei allerdings nie langweilig, denn neben der Horrorgeschichte konzentriert sich dieser Comic vor allem auf die drei Kinder, die alle auf ihre Weise versuchen, mit dem Trauma nach der brutalen Ermordung ihres Vaters fertig zu werden und hier zeigt Hill, daß er die Begabung seines Vaters fürs Geschichten erzählen geerbt hat.

Doch ist dieser Band eh nur als Auftakt zu sehen, in den nächsten Bänden wird sich noch stärker zeigen, was sich hinter diesem geheimnisvollen Anwesen und seinem Namen verbirgt, denn die ersten Schlüssel sind bereits aufgetaucht. Die Frage ist nur, zu welchen Türen gehören sie?

orbitalOrbital 2.1: Nomaden
Text: Sylvain Runberg
Zeichnungen: Serge Pellé
Übersetzung: Tanja Krämling
Verlag: Splitter

Reine SF-Comicserien sind immer noch relativ selten. Auch im ziemlich großen Angebot bei SPLITTER kann man solche Serien an einer Hand abzählen. Eine davon wird erfreulicherweise nach dem ersten Album »Brüche« jetzt fortgesetzt. »Orbital« geht mit »Nomaden« endlich in die zweite Runde.

Orbital ist eine Raumstation, die der IDA, der Interplanetaren Diplomatischen Abteilung, als Ausgangsbasis für ihre Missionen dient, die den Frieden zwischen den Welten erhalten sollen. Hauptpersonen sind die beiden Agenten Kaleb Swany und Mezoke Izzua, deren Verhältnis durch die Tatsache kompliziert wird, daß ihre Völker bis vor kurzem in einen erbitterten Krieg verwickelt waren. Diese beiden Völker, Menschen und Sandjaren, wollen sich nun während einer großen Zeremonie in Kuala Lumpur offiziell versöhnen. Dummerweise hat sich ein galaktisches Nomadenvolk ausgerechnete jetzt diese Region der Erde als vorübergehenden Aufenthaltsort ausgesucht und provoziert damit einen Bürgerkrieg.

Die Geschichten um die IDA zeichnet aus, daß hier die Menschen nicht das dominierende Volk sind. Im Gegenteil werden sie aufgrund des Kriegs gegen die Sandjaren Allierte zweiter Klasse in der Konföderation angesehen und Swany ist der erste Mensch, der als Agent der IDA eingesetzt wird. Die IDA wird eingesetzt, um Konflikte zwischen den verbündeten Völkern friedlich beizulegen und zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Kein Wunder also, daß sich auch diese neue Geschichte um den Umgang zweier völlig fremder Völker dreht und um das Misstrauen, das aus Angst vor dem Unbekannten entsteht.

Aber neben dieser „Metaebene“ (ein tolles Wort ….) ist »Orbital« erst einmal eine spannend erzählte Agentengeschichte, die von Runberg und Pellè in eine durchweg glaubwürdig entwickelte SF-Welt versetzt wurde, mit der man sich als Leser zu jeder Zeit identifizieren kann. Für SF-Fans unter den Comic-Lesern führt an dieser Serie kaum ein Weg vorbei.

perryPerry – Unser Mann im All
Heft 137: Mutanten an die Macht
Verlag: Alligator-Farm

Trotz der vielen Turbulenzen um die ALLIGATOR FARM ist mit der 137 bereits die achte Ausgabe der Neuauflage der klassischen Perry-Comics aus den Siebzigern erschienen. Nachdem die ersten Hefte noch stark der Tradition der alten Serie verhaftet waren, was durchaus seinen Reiz hatte, muss man feststellen, daß »Perry« sich inzwischen von diesen Fesseln befreit hat.

Für Leser der Rhodan-Serie muss der Comic erst mal völlig verwirrend sein, denn die Autoren bedienen sich nach Lust und Laune im kompletten PR-Universum und mixen alles wild durcheinander. Man kann bald Wetten abschließen, daß das den Puristen unter den Fans die Zornesröte ins Gesicht treiben wird, aber eine gute Geschichte entschuldigt ziemlich viel. Immerhin stehen die neuen Hefte damit weiterhin in der Tradition der alten Serie.

Mit der Titelgeschichte „Mutanten an die Macht“ wird dabei die fortlaufende Geschichte aus den vorigen Heften fortgesetzt. Alaska Saedelaere soll dabei als Massenmörder hingerichtet werden und es kommt zum Putsch durch Reginald Bulls Stellvertreter. Trotz dem Mischmasch aus alten Helden wie Goratschin und aktuellen Schurken wie Koor Parkinson ist dies eher eine konventionelle Comic-Geschichte, was ich hier ein wenig vermisse, ist der Stil aus den ersten neune Heften, die viel stärker dem Stil der Siebziger verbunden waren und in denen Karl Nagel auch keine Hemmungen hatte, einen Pilz-Dom als gigantischen Penis zu zeichnen. Im Vergleich dazu kommt diese Geschichte zeichnerisch extrem konventionell rüber, ist aber erzählerisch gut gemacht und macht am Ende neugierig auf die Fortsetzung in Nr. 138. Die anderen 5 Geschichten sind eher Kurzstories, in denen sich Nachwuchskünstler austoben konnten, was man an den Zeichnungen sehr merkt, die sich im Stil ganz extrem unterscheiden. Das kann nicht immer jeden Geschmack treffen, ist aber nie langweilig. Auf jeden Fall kann mir mal Gucky mit Bodybuilder-Figur bewundern, das bekommt man auch nicht immer zu sehen.

Insgesamt wieder ein interessantes Heft, das die Alligatoren da zusammengestellt haben. Hoffentlich folgen noch viele nach.

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